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Suche nach der Wirklichkeit

Gestörte Wirtschaftsbeziehungen

Eine neue Bewegung
„post-autistischer“ Ökonomen möchte die Wirtschaftswissenschaften erneuern


Von Nils Goldschmidt
Ein Autist zeichnet sich dadurch aus, dass seine Beziehungen zur Welt
gestört sind und er mit anderen Menschen nicht kommunizieren kann. Genau
diese Symptome zeigt auch die moderne Wirtschaftstheorie – so lautet
jedenfalls die Diagnose einer neuen Bewegung, die unter dem Namen
„Post-Autistische Ökonomik“ angetreten ist. Die Wirtschaftswissenschaften,
so deren These, leiden am Wuchern mathematischer Modelle und deren stereotyper
Anwendung, die Lehrpläne sind dominiert von einer einzigen, der
neoklassischen Methode, das Studium verhindert kritisches und reflektiertes
Denken.
Alles begann im Juni 2000, als sich eine Gruppe französischer
Ökonomiestudenten mit einer Internet-Petition an ihre Professoren
richteten: Sie wollten aus „den Paradigmen imaginärer Welten ausbrechen“,
traten „einer ufer- und hemmungslosen Benutzung mathematischer Methoden
entgegen“ und forderten „Methodenpluralismus“ in der Ökonomie: „Wir wünschen
nicht länger, dass uns eine autistische Wissenschaft aufgezwungen wird. Wir
streben nicht nach dem Unmöglichen; doch gesunder Menschenverstand muss
überleben.“
Die Resonanz war überwältigend. Frankreichs Bildungsminister Jack Lang
errichtete unter dem Vorsitz von Jean-Paul Fitoussi, Präsident des Pariser
Wirtschaftsinstituts OFCE (Observatoire français des conjonctures
économiques), eine Reformkommission, die sich in ihrem Schlussgutachten für
weit reichende inhaltliche und strukturelle Reformen des Ökonomiestudiums
ausgesprochen hat. Im September 2000 erschien die erste Internetausgabe des
post-autistic economics newsletter, der sich weltweit unter Studenten,
Assistenten und Professoren verbreitete. Dessen weitere Ausgaben haben mit
den Seiten des post-autistic economics network (http: //www.paecon.net)
eine feste Plattform zur Diskussion gefunden haben. Im Juni 2001
veröffentlichten 27 Studenten der Universität Cambridge einen Aufruf zur
„Öffnung der Ökonomik“, den mittlerweile mehr als 600 Ökonomen unterschrieben
haben; unter ihnen so renommierte Wissenschaftler wie Mark Blaug, Bruno S.
Frey, James Galbraith, Geoffrey M. Hodgson, Kurt W. Rothschild und Warren
Samuels.
Ein offener Brief, das so genannte „Kansas City Proposal“ vom August
2001, fordert in ähnlicher Weise Wirtschaftswissenschaftler weltweit dazu
auf, rigide Vorstellungen von menschlichem Verhalten zu überwinden, Kultur,
Geschichte und Methodologie ernst zu nehmen und in einen interdisziplinären
Dialog einzutreten. In Kansas City, an der Universität von Missouri, wird
im Juni 2003 die Weltkonferenz der Internationalen Konföderation der
Gesellschaften für Pluralismus in der Ökonomie (ICAPE) über die „Zukunft
der heterodoxen Ökonomik“ beraten. Mit dem ICAPE sind mittlerweile mehr als
vierzig weitere wirtschaftswissenschaftliche Verbände assoziiert.
Ärgernis Neoklassik
Aber auch die Kritik an der neuen Bewegung ließ nicht lange auf sich
warten. Robert Solow, Nobelpreisträger von 1987, meinte in Le Monde, dass
die Vorbehalte der Post-Autisten gegenüber den recht unrealistischen
Annahmen der herrschenden neoklassischen Theorie – zum Beispiel rationale,
vollständig informierte Individuen und weitgehend „perfekter“ Wettbewerb –
zwar verständlich sind, die Neoklassik sich dieser Schwächen aber durchaus bewusst
sei. Entsprechend ist die neuere neoklassische Forschung auch von Arbeiten
zu unvollständigen Märkten, Wettbewerbsbeschränkungen, asymmetrischer
Information und ähnlichem geprägt. Letztlich, so Solow, ginge es doch allen
– orthodoxen und heterodoxen Ökonomen – um dasselbe Ziel: gute und
wirtschaftspolitisch anwendbare ökonomische Instrumente herauszubilden.
Doch selbst wenn man diese Einschätzung Solows teilt, es bleibt ein
Problem: Ökonomen hoffen unverändert auf die exakte Erfassung wirtschaftlicher
Abläufe, die meisten glauben auch, dass ein auf Gleichgewicht und
Quantifizierung beruhendes und von den Naturwissenschaften entlehntes
Paradigma die Welt der Wirtschaft erklärbar macht: Auch ökonomische Gesetze
seien quasi Naturgesetze, die man aufdecken und analysieren kann.
Hingegen betont John K. Galbraith, Nestor der linken Keynesianer in den
Vereinigten Staaten, in seiner Replik auf Solow, dass auch „die zentralen
theoretischen Annahmen der Ökonomik debattiert werden müssen“. In gleichem
Sinne behauptet der post-autistische Ökonom Geoffrey M. Hodgson in seinem
jüngsten Buch , die Ökonomie habe „die Geschichte vergessen“ und fordert
eine Hinwendung zu den historischen und kulturellen Bedingungen
wirtschaftlichen Handelns: „Neben der Philosophie ist es zugleich
notwendig, auch der Geschichte des ökonomischen Denkens und der
Wirtschaftsgeschichte wieder Geltung zu verschaffen“. Entscheidend für die
Zukunftsfähigkeit der ökonomischen Theorie ist also nicht die Verfeinerung
mathematischer Instrumente, sondern die methodische Umorientierung: Da die
Wirtschaft ein historisch gewachsenes Kulturphänomen ist, braucht sie einen
sozialwissenschaftlichen Zugang: Volkswirtschaftslehre ist Kulturtheorie.
Für eine solche Umorientierung gibt es unter den post-autistischen
Ökonomen zahlreiche Ansätze, ohne dass sie eine bestimmte Schule
favorisieren: So hält das Forschungsprogramm der in den 60er und 70er
Jahren vor allem in den Vereinigten Staaten entwickelten „Neuen
Institutionenökonomik“ mit ihrer Berücksichtigung von Eigentumsrechten,
Transaktionskosten und vertragstheoretischen Analysen wichtige Einsichten
bereit. Die „Evolutionäre Ökonomik“ – entstanden in der Denktradition
Joseph A. Schumpeters – berücksichtigt darüber hinaus Entstehung und
Ausbreitung von Neuerungen in der Wirtschaft.
Die Befassung mit der Dogmengeschichte zeigt, wie ökonomische Theorien
historisch bedingt sind und sich wandeln können. Zugleich können ältere
Theorien auch neue Anregungen liefern. So hat sich die deutsche historisch-
ethische Schule der Nationalökonomie Ende des 19. Jahrhunderts stark auf
die Sozialpolitik ausgerichtet. Ähnlich forderte auch der Vordenker der
Sozialen Marktwirtschaft, der Freiburger Ökonom Walter Eucken, eine
Theorie, die nicht wirklichkeitsfremd ist, sondern „der modernen
industrialisierten Wirtschaft eine funktionsfähige und menschenwürdige
Ordnung“ geben kann. Der „Post- Autist“ Hodgson glaubt, dass die
Sozialwissenschaften von der „Wiederentdeckung eines verlorenen Kontinents
von Fragestellungen und Ideen profitieren“ können. Dazu gehöre „die
Rehabilitierung von Historismus und Institutionalismus“.
Nils Goldschmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
Allgemeine Wirtschaftspolitik (Abteilung für Mathematische Ökonomie) der
Universität Freiburg.
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