Mathematikmanie und die Krise der Ökonomik
von
Viktor Vanberg
Im Juni 2000 traten Ökonomikstudenten in
Frankreich mit einer Internet-Petition an die Öffentlichkeit, in der sie die
Realitätsferne der ihnen in der Lehre vermittelten Wirtschaftswissenschaft anprangerten.
Sie seien nicht länger gewillt, so ihre Klage, sich eine „autistische Ökonomik“
aufzwingen zu lassen, in der mathematische Formalisierung zum Selbstzweck
geworden sei und imaginäre Welten modelliert würden, die mit der Welt der
Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemeinsam haben. Der Protest fand in
Frankreich und darüber hinaus außerordentliche Aufmerksamkeit,[1]
und er veranlaßte Vertreter der Orthodoxie, mit einem prominent in Le Monde
veröffentlichten „Gegen-Appell zur Bewahrung der Wissenschaftlichkeit der
Ökonomik“ zu reagieren.
Die Auseinandersetzung um den Erkenntniswert
ihres formalen analytischen Instrumentariums hat das neoklassische Paradigma
bereits seit seinen Anfängen begleitet, also jene Theorietradition, die
entscheidend durch Léon Walras geprägt worden ist, der mit seinen Elements
d’economie politique pur (1874) das ausdrückliche Ziel verfolgte, eine
reine theoretische Ökonomik „als naturwissenschaftlich-mathematische Disziplin
wie die Mechanik oder die Hydrodynamik“ zu entwickeln (Vanberg 2003: 118). Als
Walras 1873 seinen Entwurf einer mathematischen Ökonomik erstmals an der Académie
des Sciences Morales et Politiques vorstellte, hielt ihm der
Wirtschaftshistoriker Levasseur entgegen, er versuche Methoden, die sich für
die physikalischen Wissenschaften hervorragend eignen mögen, auf Phänomene zu
übertragen, deren Ursachen höchst variabel und komplex seien und vor allem eine
eminent variable Ursache einschließen, die sich keinesfalls auf algebraische
Formeln reduzieren lasse: Menschliche Freiheit (Lawson 2003: 270).
Seinen entscheidenden
Durchbruch zur das Fach beherrschenden Theorierichtung erzielte das Walrassche
Projekt einer mathematischen Ökonomik in den Jahrzehnten nach dem zweiten
Weltkrieg. Gerard Debreu, der zusammen mit P.A. Samuelson und K.J. Arrow, zur
Symbolfigur für die Mathematisierung der modernen Ökonomik geworden ist, hat
die Entwicklung rückblickend am Beispiel der führenden Fachzeitschrift, der American
Economic Review, illustriert. Während man 1940 auf weniger als drei Prozent
der Seiten des betreffenden Jahrganges rudimentäre mathematische Ausdrücke
hätte finden können, finde man, so Debreu, fünf Jahrzehnte später auf nahezu
vierzig Prozent der Seiten des 1990er Jahrgangs Mathematik komplexerer Art
(Lawson 2003: 343). Der Princeton Ökonom Alan Blinder spricht von einem
„Mathematik Rennen“, das mit den Beiträgen von Samuelson, Arrow und Debreu in
Gang gekommen sei, und stellt fest: „Um die 1960er oder 1970er Jahre herum
hatte sich die Ökonomik vollständig in eine technische Disziplin verwandelt.
... Heutzutage sind alle wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften voll von
Theoremen und Beweisen. ... In der Tat, manche behaupten, die Ökonomik sei
inzwischen mathematischer als die Physik“ (Blinder 1999: 2).
Wenn sich auch die
überwiegende Mehrzahl der Fachvertreter ohne sonderliche Bedenken mit dem
allgemeinen Trend arrangiert zu haben scheint, so mehren sich doch kritische
Stimmen mit der Frage, ob sich das Fach nicht auf einem Irrweg befinde.
Irgendwo entlang des Weges, so meint etwa A. Blinder (1999: 4), sei die
„Umarmung der Mathematik erst in Anbetung und dann in eine Manie umgeschlagen.“
Große Teile der Ökonomik seien, so seine Einschätzung, „kopfüber durch die
wissenschaftliche Phase hindurchgestürmt und am anderen Ende als Zweige der
angewandten, oder sogar der reinen, Mathematik herausgekommen – elegant und
gewiß schwierig, aber allzu selbst-bezogen, zu a priori, und zu wenig auf
Beobachtungen gestützt“ (ebd.: 8). Viele prominente Fachvertreter,
Nobelpreisträger eingeschlossen, haben sich ähnlich kritisch geäußert. So
stellt etwa der Nobelpreisträger R. Coase fest: „Die heutige Ökonomik ist ein
theoretisches System, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in
der realen Welt geschieht“ (zitiert nach Lawson 2003: 10). Und W. Leontief,
ebenfalls Nobelpreisträger und selbst formaler Analyse keineswegs abhold,
kommentiert den Mathematisierungstrend mit den Worten: „Die ökonomischen Fachzeitschriften sind Seite
für Seite mit mathematischen Formeln gefüllt, die den Leser von einem Satz mehr
oder minder plausibler aber völlig willkürlicher Annahmen zu präzise
formulierten aber irrelevanten theoretischen Schlußfolgerungen führen. ... Jahr
für Jahr fahren theoretische Ökonomen fort, Unmengen von mathematischen
Modellen zu produzieren und deren formale Eigenschaften in allen Einzelheiten
zu untersuchen, und die Ökonometriker passen algebraische Funktionen aller
denkbaren Gestalt an im wesentlichen gleiche Datensätze an, ohne daß sie in der
Lage wären, in irgendeiner wahrnehmbaren Weise das systematisches Verständnis
der Struktur und Funktionsweise eines realen Wirtschaftssystems voranzubringen“
(zitiert nach Lawson 2003: 9).
Der renommierte ökonomische
Theoriegeschichtler Marc Blaug stellte unlängst zur Lage des Faches schlicht
fest: „Die moderne Ökonomik ist krank. Ökonomik ist zunehmend zu einem
intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt wird und
nicht wegen seiner praktischen Bedeutung für unser Verständnis der
wirtschaftlichen Welt. Die Ökonomen haben die Disziplin in eine Art sozialer
Mathematik verwandelt, in der analytische Schärfe alles und praktische
Bedeutung nichts zählt“ (zitiert nach Lawson 2003: 10). Mit ähnlichen Worten
hat sich auch der bekannte Schweizer Ökonom Bruno S. Frey geäußert, der
beklagt, daß die Volkswirtschaftslehre „sich immer stärker zu einer Analyse
formaler und selbst definierter Probleme“ entwickle und auf dem besten Wege
sei, eine „Unterabteilung der angewandten Mathematik“ zu werden, ein „rein
internes Spiel der eng definierten Ökonomenzunft“, das mit der ökonomischen
Realität wenig zu tun habe (zitiert nach K.-P. Schmid 2001). Eine aus zwölf
herausragenden Ökonomen zusammengesetzte Commission on Graduate Education in
Economics kam 1991 gar zu der Schlußfolgerung, es sei zu befürchten, daß
die amerikanischen Universitäten eine Generation von Fachidioten produzierten,
die technisch versiert seien, aber keinerlei Kenntnis realer ökonomischer
Probleme besitzen (Cassidy 1996: 60).
In der Tradition von Walras ist die
neoklassische, mathematische Ökonomik mit dem Anspruch angetreten, eine am
Vorbild der exakten Naturwissenschaften orientierte „streng wissenschaftliche“
Disziplin zu sein. Nach mehr als einem Jahrhundert seit der Verkündung dieses
Anspruchs und nach Jahrzehnten exzessiver Anstrengungen erscheint der Erfolg
dieses Projekts höchst zweifelhaft, zumindest, wenn man „Wissenschaftlichkeit“
nicht an der bloßen Komplexität des analytischen Instrumentariums mißt sondern
am substantiellen Erkenntnisbeitrag zur Erklärung der Erfahrungswirklichkeit,
also an einem Maßstab, an dem die Naturwissenschaften sich ganz
selbstverständlich messen lassen. In einem vor einigen Jahren im bekannten
Monatsmagazin The New Yorker unter dem Titel „The Decline of Economics“
erschienenen Artikel faßt denn auch der Autor eine unter Beobachtern der
Disziplin verbreitete Einschätzung in dem lapidaren Urteil zusammen: „Der
Versuch, aus der Ökonomik eine exakte Wissenschaft zu machen, ist fehlgeschlagen“
(Cassidy 1996: 52).
Die neoklassische, mathematische Ökonomik hat
die Naturwissenschaften – genauer gesagt, die Physik, oder noch genauer, die
Mechanik – in einem rein formalen Sinne kopiert, indem sie ihr analytisches
Instrumentarium übernommen hat, ohne weiter zu fragen, ob dieses
Instrumentarium auch geeignet ist, das Verständnis des Realitätsbereichs, den
zu erklären sie bemüht sein sollte, zu fördern. Ebendies ist aber gerade seit
der frühen Kritik von Levasseur immer wieder von Skeptikern bezweifelt worden,
die – wenn auch in verschiedenen Formulierungen aber im Kern übereinstimmend –
auf die Bedeutung des Unterschieds zwischen physikalischen Phänomenen und auf
menschlichen Handlungsentscheidungen beruhenden, sozialen Phänomenen
hingewiesen haben oder, allgemeiner, auf den Unterschied zwischen Vorgängen in
der unbelebten und solchen in der belebten Natur. Wie Tony Lawson in seinem
Buch Reorienting Economics (2003) betont, bedeutet ein Beharren auf
diesen Unterschied nicht, den Anspruch aufzugeben, auch soziale Phänomene und
Vorgänge in der belebten Natur erfahrungswissenschaftlich, und in
diesem Sinne im Geiste der Naturwissenschaften, zu untersuchen (ebd.: 3,
22). Es geht vielmehr darum, daß das für eine wissenschaftliche
Herangehensweise adäquate analytische Instrumentarium in den beiden Bereichen
durchaus unterschiedlich sein kann. Und es geht darum, anzuerkennen, daß die
ökonomische Welt, wie es der bereits zitierte Alan Blinder (1999: 5) ausdrückt,
komplexer ist „als die geordnete Welt der Newtonischen Physik, nach deren
Vorbild die Ökonomik seit Samuelsons Foundations ausgerichtet war.“
In diesem Sinne ist in der Geschichte der
Disziplin wiederholt und von vielen Seiten das Argument vorgebracht worden, es
sei für die Ökonomik als Wissenschaft vom menschlichen Handeln weit
angemessener, sich am Vorbild der Biologie zu orientieren als an dem der Physik
. Dies war etwa die Botschaft eines berühmten Aufsatzes, den der Hauptvertreter
des amerikanischen Institutionalismus, Thorsten Veblen, 1898 unter dem Titel
„Why is Economics Not an Evolutionary Science?“ veröffentlichte. Selbst Alfred
Marshall, der als erster den neoklassischen Theorieansatz in ihre gängige
Lehrbuchform gebracht und dadurch maßgeblich deren Verbreitung gefördert hat,
deutet in der Einleitung zu seinen Principles of Economics Vorbehalte
gegen die theoretischen Anleihen bei der Physik an, wenn er dort betont, das
„Mekka des Ökonomen liegt in der ökonomischen Biologie“ (1920: xii), und die
ausgiebige Verwendung von Analogien aus der Mechanik mit dem Argument
entschuldigt, biologische Konzepte seien zu komplex für ein einführendes
Lehrbuch. Und gerade in jüngerer Zeit mehrt sich deutlich die Zahl der
Fachvertreter, die mit dem Ökonomen und Spieltheoretiker Robert Sugden die
Einschätzung teilen, daß „die Biologie in der Tat für die Ökonomie ein viel
besseres Vorbild darstellt als die Physik“ (Sugden 2001: 128), und die sich
ernsthaft mit dem Projekt einer evolutorischen Ökonomik als Alternative zur
neoklassischen Orthodoxie befassen.
In sehr prägnanter – und auf die Diskussion
um die adäquate theoretische Orientierung der Ökonomie durchaus übertragbarer –
Weise hat der bedeutende Evolutionsbiologe Ernst Mayr den Unterschied zwischen
„der belebten und der unbelebten Welt“ (Mayr 2002: 6), bzw. zwischen dem
„typologischen Denken“ der Physik und dem „Populationsdenken“ der
Evolutionsbiologie beschrieben. „Die unbelebte Welt“, so Mayr (ebd.), „besteht
aus Essenzen oder Typen mit jeweils identischen Mitgliedern, wobei Variation
als zufällig und deshalb irrelevant gilt. Im Gegensatz dazu ist in einer
Biopopulation jedes Element einzigartig, und der statistische Mittelwert ist
nur eine Abstraktion. ... Sich die lebende Welt als eine Reihung ständig
variierender Populationen vorzustellen, die in der Generationenfolge verbunden
sind, führt zu einem Weltbild, das von dem eines Typologen völlig verschieden
ist.“ Die Einzigartigkeit und Variabilität des Organischen verbietet es denn
auch nach Mayr, die Biologie als „eine zweite Physik“ zu betreiben, und den
Grad ihrer Mathematisierung als Maßstab der Wissenschaftlichkeit anzusehen
(Mayr 2004). An einem solchen Maßstab gemessen wäre, so Mayr (ebd.), „Darwins
‚Vom Ursprung der Arten’ nicht wissenschaftlich, denn es enthält keine einzige
mathematische Formel.“
„Typologisches Denken“ im Sinne Mayrs
kennzeichnet etwa die in der neoklassichen Tradition gängige Strategie, das
Verhalten „repräsentativer Haushalte“ und „repräsentativer
Unternehmen“ zu modellieren, eine Strategie, die unterstellt, daß die Unterschiede
zwischen Individuen, Haushalten und Unternehmen als zufällige Abweichungen vom
„Typ“ vernachlässigbar und für die Funktionsweise des Systems ohne Bedeutung
sind. Diese Ausblendung der Individualität der Akteure im Wirtschaftsprozeß ist
eine entscheidende Voraussetzung für die Anwendbarkeit des am Vorbild der
Physik orientierten mathematischen Instrumentariums. Im Kontrast dazu wird eine
am Populationsdenken der Evolutionsbiologie orientierte Ökonomik gerade die
Bedeutung betonen, die der Unterschiedlichkeit der je einzigartigen Elemente
der „Populationen“ von Individuen, Haushalten und Unternehmen in
wirtschaftlichen Systemen für die Funktionsweise und vor allem für die
Entwicklungsdynamik dieser Systeme zukommt. Sie wird betonen, daß es gerade die
Unterschiedlichkeit der von den einzelnen Akteuren verfolgten
Problemlösungsstrategien und der innovative menschliche Erfindungsgeist sind,
die das Gleichgewichtsparadigma der Mechanik zu einem irreführenden Modell für
die Analyse der Dynamik und Zukunftsoffenheit wirtschaftlicher Prozesse werden
lassen. Eine am Populationsdenken der Evolutionsbiologie orientierte Ökonomik
muß die Komplexität ernst nehmen (statt sie „statistisch“ auszublenden), die
ökonomische Systeme als Teile der belebten Welt kennzeichnet. Diese Komplexität
ernst zu nehmen, bedeutet nicht, den Anspruch auf wissenschaftliche Analyse
aufzugeben, aber es bedeutet, die Besonderheiten in Rechnung zu stellen, die
solche Systeme von physikalischen Systemen unterscheiden.
Blinder, Alan S. 1999: Economics becomes a
science – or does it?, Princeton University, CEPS Working Paper Series Nr.
57, Juni 1999 (veröffentlicht in: Useful Knowledge, APS Memoirs, Bd.
234, 1999).
Caldwell, Bruce 2004: Hayek’s Challenge – An
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Cassidy, John 1996: „The Decline of Economics“,
The New Yorker, 2. Dezember 1996, 50-60.
Hayek, F.A. 1967: “Degrees of Explanation”, in:
Ders., Studies in Philosophy, Politics and Economics, Chicago: The
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Tübingen: Mohr Siebeck.
Lawson, Tony 2003: Reorienting Economics,
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Marshall, Alfred 1920: Principles of
Economics – An Introductory Volume, achte Auflage, London: Macmillan
(Erstausgabe 1890).
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Mayr, Ernst 2004: „Die Biologie ist keine zweite Physik – Interview mit
dem Evolutionsbiologen Professor Ernst Mayr“, Die Welt, Samstag 3. Juli
2004.
Schmid, Klaus-Peter 2001: „Die Formel-Fehde“, Die Zeit, Nr. 22,
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Sugden, Robert 2001: „The Evolutionary Turn in
Game Theory“, Journal of Economic Methodology, Bd. 8, Heft 1, 113-130.
Vanberg, Viktor 2003: „Evolutorische Ökonomik: Homo Oeconomicus, Markt
und Institutionen“, in: A. Diekmann und R. Moser, Hrsg., Evolution in den
Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, Bern-Stuttgart-Wien: Paul Haupt,
117-137.
[1] Ein Ergebnis des Protests ist Bildung eines post-autistic economics network (http://www.paecon.net), einer Plattform für (durchaus recht heterogene) Kritiken an der vorherrschenden neoklassichen Ökonomik. Eine kurze Geschichte der Vorgänge findet sich auf der angegebenen Web-Seite des post-autistic economic network.